Ich hab mich sehr lange sehr schwer damit getan, die Fotos meiner kleinen Reise in die Vergangenheit zu bearbeiten und hier zu dokumentieren. Die Gründe dafür sind wohl vielfältig und ich könnte sie auch gar nicht benennen, selbst wenn ich das wollte. Stattgefunden hat die Reise im August/September 2025. Es ist also mittlerweile schon ein knappes halbes Jahr her und ich möchte das nun nachholen und für mich endlich abschließen. Die Fotos sind alle bearbeitet und ich beginnne gerade damit, ein paar beschreibende Worte dazu niederzuschreiben.
Begonnen hat der Turn in Berlin bei einer exclusiven Reunion Show der beiden visionären Dark Jazz Kollektive The Mount Fuji Doomjazz Corporation und The Kilimanjaro Darkjazz Ensemble im Lido in Kreuzberg. Ursprünglich wollte ich mir nur den Gig dieser beiden großartigen Bands um den umtriebigen Musiker Jason Köhnen ansehen und dann, neben vielleicht ein zwei weiteren Tagen in Berlin, wieder die Reise gen Heimat antreten. Die Buchung des Tickets ging auf den Februar 2025 zurück, in welchem ich von dem Konzert Wind bekam und mir flugs ein Ticket orderte.
Nun bin ich zu jener Zeit aber auch in meiner Gedankenwelt weit in der Vergangenheit unterwegs gewesen und irgendwie hat sich da ein Puzzle wie von Geisterhand von selbst zusammengesetzt, was letztlich dazu führte, dass mein ursprünglicher Berlin-Trip zu einer Reise durch das halbe Bundesgebiet mutierte.
Zum Einen wollte ich in die Region zurückkehren, in der ich meine Lehre zum Maschinen- und Anlagenmonteur - Spezialisierungsrichtung Anlagenbau (hochtrabende Berufsbezeichnungen konnten wir in der Zone damals schon) machte, und mir die Veränderungen anschauen, welche die vergangenen 40 Jahre und der Systemwechsel vom real existierenden Sozialismus zum real existierenden Kapitalismus in der Lausitz stattgefunden haben. Ja, 40 Jahre ist das nun schon her, dass ich meine Lehre gemacht habe, ein halbes Leben quasi. Da wird einem mal wieder das eigene Alter vor Augen geführt.
Weiterhin wollte ich mich ein wenig in der Sächsischen Schweiz umschauen, die mich landschaftlich sowieso schon immer schwer gereizt hat und in der ich bis dato ein einziges Mal war, und zwar als kleiner Stift mit meiner Oma zusammen. Und das dürfte dann so um die 50 Jahre zurückliegen.
Zusätzlich konnte ich noch einen Kurzbesuch bei meinen Eltern in Leipzig mit einplanen, da ich bei ihnen eh noch was vorbeibringen wollte.
Und da ich schon seit längerem die Hercynian Distilling Co. im Harz ob ihrer vorzüglichen Single Malts besuchen wollte, sollte dies dann auch der krönennde Abschluss meiner kleinen Tour darstellen, zumal die im Harz gelegene Destillerie mit ein wenig Fantasie direkt auf dem Weg von Leipzig nach Hamburg liegt.
Genug der Vorrede. Leider habe ich für den Anreisetag keine Fotos, da beim Konzert im Lido keine Kameras erlaubt waren und ich am nächsten Tag in der früh weiter wollte Richtung Lausitz. Ich hatte also wenig Zeit und dementsprechend auch keine große Lust auf Motivjagd zu gehen.
Auf dem Weg zu meiner nächsten Übernachtung in Hoyerswerda, wo ich während meiner 2-jährigen Lehre im VEB Gaskombinat Schwarze Pumpe zwischen 1984 und 1986 im Lehrlingswohnheim untergebracht war, machte ich am Tagebau Welzow-Süd halt, welcher der letzte laufende Braunkohletagebau in Brandenburg ist. Grundsätzlich hatte ich mich für Google Maps auf meinem Smartphone als Navigationssystem entschieden, allerdings musste ich feststellen, dass man sich darauf nicht allzu sehr verlassen sollte. Ich hatte als Ziel den Tagebau-Aussichtspunkt Welzow-Stadt eingegeben und Google Maps hat das mit der kürzesten Route ein wenig zu genau genommen. Es leitete mich auf einen Waldweg, der mit zunehmender Dauer immer unwegsamer wurde. So unwegsam und mit Dikicht verwachsen, dass ich nach ein paar Minuten Fahrt die Segel strich und an einer Weggabelung wendete und zurückfuhr. Alles im Schritttempo natürlich. Gottseidank hatte ich einen SUV als Mietwagen, mit einem "normalen" PKW wäre ich wohl mit einiger Wahrscheinlichkeit mit dem Unterboden irgendwo aufgesetzt oder hätte mich andersweitig festgefahren.
Am Ziel angekommen, erstreckte sich vor mir eine riesige Mondlandschaft mit einigen futuristisch wirkenden Stahlskeletten. Die schiere Weite des Tagebaus ist schon beeindruckend. Ich kenne das zwar noch aus dem Leipziger Umland, wo man quasi alle paar Kilometer in einen Tagebau fiel, aber entweder waren die nicht so groß oder ich hab die Dimensionen schlicht und ergreifend verdrängt. Am Aussichtspunkt hatte gerade eine geführte Tagebautour haltgemacht, die gebannt den Ausführungen des Tourführers lauschte. Schade, hätte ich vorher gewußt, dass so etwas angeboten wird, würde ich mich auch angemeldet haben. Fand ich hochspannend.
Weiter ging es dann nach Schwarze Pumpe, wo ich sehen wollte, was aus dem riesigen Kombinat, welches der kombinierten Verwertung und Veredelung von Braunkohle unmittelbar am Gewinnungsort diente, geworden ist. Mir war schon im Vorfeld durch Recherche bei Google Maps klar, dass hier alles ganz ist als damals, aber ich war trotzdem schockiert. Es ist schon etwas anderes, wenn man das Live vor Ort sieht. Bis auf das neue, riesige Kraftwerk, welches durch sein futuristischen+s Design wie aus einer anderen Welt wirkt, und eine Brikettfabrik war alles weg. Das Gelände heißt jetzt Industriepark Schwarze Pumpe und es haben sich dort einige kleine und mittelständische Unternehmen angesiedelt. Der Imdustriepark ist umzäunt und man kommt nur per Anmeldung rein, was ich mir jedoch geschenkt habe. Für mich gab's da nix zu sehen. Lediglich die Gebäude der BBS (Betriebsberufsschule) zwischen Straße und Werksgelände standen noch, waren aber ebenfalls mit Zäunen abgesperrt und mit Netzen gesichert, wahrscheinlich wegen akuter Einsturzgefahr. So blieb auch hier meine fotografische Ausbeute gering.
Als ich genug gesehen hatte, fuhr ich mit mit meinem Mietgefährt gen Hoyerswerda, wo ich die Nacht verbringen wollte. Im Hotel angekommen, machte ich mich gleich nach dem Einchecken auf Spurensuche meiner Lehrzeit vor 40 Jahren. Und wieder war ich schockiert. Auch hier war der Anblick der Neustadt deprimierend und noch schlimmer als in Schwarze Pumpe, wo es nur um einen Industriestandort ging. Aber hier in Hoyerswerda wurde im Grunde ein ganzer Stadtteil dem Erdboden gleichgemacht. Wo früher Neubaublöcke standen, ist heute Brachfläche angesagt. Vereinzelt stehen noch Wohnblöcke, das Meiste jedoch ist der Abbruchbirne zum Opfer gefallen. Zum Verständnis der Dimensionen hier noch einige Zahlen, die man im Zusammenhang mit dem plattgemachten Gaskombinat Schwarze Pumpe sehen muss.
Hoyerswerda vor Bau des Gaskombinats Schwarze Pumpe: ~12.000 Einwohner
Hoyerswerda Ende der 80er Jahre: ~70.000 Einwohner
Hoyerswerda nach Abwicklung des Kombinsts: ~35.000 Einwohner
Hoyerswerda hat nach der Wende also ungefähr die Hälfte seiner Einwohner verloren, was man in der Neustadt ganz wunderbar ablesen kann.
Zum Schluß bin ich noch zu "meinem" Lehrlingswohnheim in der Thomas-Müntzer-Str. gegangen, welches sich, rein äußerlich betrachtet, nicht wirklich verändert hat. Und erinnert sei an dieser Stelle auch nochmal an die Ereignisse vom September 1991, als u.a. vor genau diesem Lehrlingswohnheim rechtsextremes Dreckspack unter Johlen und Anfeuerung der umliegenden Anwohner und Schaulustigen randalierte und das Asylbewerberheim mit Steinen, Molotow-Cocktails etc. angriff. Ich schäme mich bis heute für dieses Dummvolk, die das damals mitgetragen haben. Auch heute scheint die Immobilie noch als Unterkunft für Flüchtlinge zu dienen, das Gebäude ist immer noch umzäunt und ich sehe ein Schild mit dem AWO-Logo am Zaun.
Am nächsten Morgen wollte ich dann weiter Richtung Süden, in die Sächsische Schweiz, machte aber noch an einem weiteren Tagebau halt, wo ich mir selbigen von einem Aussichsturm anschauen wollte. Es ist der Tagebau Nochten, ebenfalls noch in Betrieb, der noch mal um einiges größer ist als der Tagebau Welzow-Süd und wohl künftig auch noch erweitert werden soll. Der Aussichtsturm nennt sich Der Turm am Schweren Berg und ist ca. 30m hoch. Der Ausblick von da oben ist schon spektakulär. Man blickt u.a. auf den riesigen Tagebau und die Kraftwerke Boxberg und Schwarze Pumpe.
Damit ist der erste Teil meiner Rundreise fertig erzählt. Es geht im zweiten Teil weiter mit dem Elbsandsteingebirge, welcher wesentlich mehr Urlaubsfeeling beinhaltet als der erste Teil aus dem Braunkohlerevier Lausitz.
